By László Pintér | Mai 10, 2017 | Last update on Mai 10, 2017

Photo credit: László Pintér

In Memoriam Ueli Steck

Die Bergsteigerszene steht fassungslos vor dem Tod des vielleicht besten Alpinisten unserer Zeit. Der Schweizer Ueli Steck ist bei einem Unfall im Himalaya tödlich verunglückt.

Eine Flut von Beileidsbekundungen und Nachrufen zieht durch die sozialen Medien. Die Nachricht von Uelis Tod schockierte aber nicht nur die Bergsteigerwelt. In diesem Nachruf stellen wir Euch Ueli Steck, den Menschen, der hinter dem Namen „Swiss Machine” steckte, vor.
Die heutigen Massenmedien sind für spektakuläre Todesfälle immer sehr empfänglich und die Bekanntheit von Ueli Steck ging weit über die Bergsteigerkreise hinaus. In der Schweiz, seinem Heimatland, war er so populär, dass das Schweizer Fernsehen in Folge seines Unfalltods gar das Programm änderte und einen Dokumentarfilm über Ueli sendete. In den Fußballstadien wurde eine Schweigeminute gehalten.
Die genauen Umstände seines Todes sind unbekannt. Man weiß nur, dass er bei einer Akklimatisationstour auf dem Nuptse, auf etwa 7600 Metern abstürzte. Sein Leichnam wurde unweit des Lagers 2, auf etwa 6600 Metern, gefunden. Die Ursache für seinen Absturz ist unklar und wird wohl auch für immer ein Rätsel bleiben. Das Gelände, in dem der Unfall passierte, ist für einen erfahrenen Bergsteiger wie Ueli leicht wie für uns ein Spazierweg durch den Wald. In der Wand eines Siebentausenders kann sich aber jederzeit ein Stein lockern, einem auf den Kopf fallen, dann hilft keine Erfahrung der Welt mehr.
Ueli wurde inzwischen im engsten Familienkreis, bei einem buddhistischen Ritual im Kloster von Tengboche/Nepal, auf den letzten Weg geschickt.

Hat Ueli sein Schicksal herausgefordert? Natürlich nicht! Wenige Menschen lieben ihr Leben mehr als Bergsteiger. Er ging in die Berge, weil er sich dort wohl, frei fühlte. Das Bergsteigen war sein Leben und die Risiken waren ihm bekannt.
Wir berichteten auf unserer Seite über seine Rekorde und führten auch ein Interview mit ihm. Ich erinnere mich, wie überrascht ich war, als ich Ueli das erste Mal ein E-Mail schrieb und dachte, die Antwort würde sicher von einer PR-Agentur kommen. Nein. Die Unterschrift unter der Nachricht lautete: „Freundliche Grüsse, Ueli“.

Trotz seiner Bekanntheit blieb er stets eine bescheidene und zurückhaltende Person. Auf seiner Webseite steht immer noch „Zimmermann“ als Beruf, obwohl er von seinem erlernten Beruf nie gelebt hatte. Er hätte es sich leisten können, auf seinen Reisen immer in teuren Hotels zu wohnen. Er kehrte aber bei Freunden ein oder schlief auf Campingplätze wie in Chamonix, wo man ihn mit ein wenig Glück treffen konnte. Er war voller Liebe und Leidenschaft für die Natur und die Berge.
Wir haben ein Paar Momente seiner außergewöhnlichen Karriere zusammengetragen und nicht nur die Rekorde. Seht Euch jedoch zuerst das Video an, in dem die Welt Ueli Steck kennengelernt hat: Die Besteigung der Eiger-Nordwand 2008 in Rekordzeit!

Ueli Steck – Die „Swiss Machine”

Ein Porträt Uelis, der zu jener Zeit schon zu den großen Namen der Bergsteigerszene zählte:

Dieser Film zeigt, was Ueli zum Bergsteiger wie keinen anderen machte: Sein Training, das strenger und härter war als das der meisten Spitzensportler. 1200 Stunden im Jahr. Nur zum Vergleich: Die Königin des Langlaufsports, die 6-fache Olympiasiegerin und 18-fache Weltmeisterin, die Norwegerin Marit Björgen, trainiert „nur“ etwa 900 Stunden jährlich. Ueli verriet die meisten Details seines Trainings nicht, nur wenige Teile davon. Sein Trainingsplan war immer auf das nächste Projekt zugeschnitten, er wurde immer in Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Ernährungsberatern, Fitnesstrainern und Mentaltrainern erstellt. Normalerweise trainierte er 6 Tage die Woche, an seinem Ruhetag ging er klettern oder auf eine Bergtour, nur so zum Spaß. Das Ausdauertraining bestand aus zweimal die Woche 27 km Berglauf über je 5100 Höhenmeter. Das Mentaltraining war ein wichtiger Teil seines Trainings und dauerte 1-3 Stunden die Woche.
„Bergsteigen ist für mich wie für andere das Treppensteigen. Ich denke nie daran, dass ich ausrutschen und abstürzen könnte.“
Dieses Selbstbewusstsein, die maximale Überzeugung von den eigenen Fähigkeiten, findet man nur bei wenigen. Das aber ermöglicht es den besten Solokletterern, Leistungen zu erbringen, die sogar für die Durchschnittsalpinisten schwer zu begreifen sind.
Dieses Video dokumentiert den Geschwindigkeitsrekord an der Grandes Jorasses-Nordwand, über die berühmte Colton/McIntyre-Route, die Ueli gerade hier zum ersten Mal probierte.

Es handelt sich dabei um eine der schwierigsten Nordwände der Alpen, die Droites in der Mont Blanc-Gruppe. Ueli testete hier eigentlich nur neue Bekleidung.

Die Zukunft des Spitzenalpinismus

Den neuen Stil und die Technik, die er in den Alpen perfektioniert hatte, wollte Ueli auch auf den Himalaya übertragen. Das war die neue Richtung und zur gleichen Zeit die Zukunft des Alpinismus: technisch anspruchsvolle Routen an großen Wänden im Alpinstil, ohne zusätzlichen Sauerstoff und Sherpas – leicht und schnell.
Sein erstes Ziel 2007 wurde zum Meilenstein des Höhenbergsteigens: Solo durch die Annapurna-Südwand, auf einer neuen, direkten Route.
Damals kam er nur knapp mit dem Leben davon. Ein herabfallender Stein traf ihn am Kopf. Der Helm rettete zwar sein Leben, er verlor aber das Bewusstsein und stürzte 200 Metern die Steilwand hinab. Wie durch ein Wunder kam er mit einer Gehirnerschütterung und Prellungen davon. Den immer selbstbewussten Ueli sah man wohl niemals so schockiert wie in dieser Schweizer Dokumentation bei Minute 12. Er hatte selber Tonaufnahmen gemacht und sein Fotograf, Robert Bösch, drehte ein kurzes Video von ihm sofort nach dem Sturz:

Ueli mochte seinen Spitznamen „Swiss Machine” nicht. Obwohl er sich selbst mit einem Schweizer Uhrwerk verglich, war er alles andere als eine Maschine.
Er war ein Mensch und das im nobelsten Sinne des Wortes.
Ein Jahr später kehrte er auf den Annapurna zurück, diesmal mit dem Zermatter Spitzenbergführer, Simon Anthamatten. Als Aufwärmübung führten die beiden die Erstbesteigung der Tengkampoche-Nordwand durch. Für diese Leistung wurden sie mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet. Das folgende Video zeigt Bilder von dieser Besteigung.

Der Annapurna stellte Uelis mentale Stärke wiederum auf eine harte Probe.

Mit dem Tod im gleichen Zelt

Wer sich im Höhenbergsteigen auskennt, weiß, dass man auf 8000 Metern keine Rettung erwarten darf. Jeder ist dort auf sich alleine gestellt, die unmenschlichen Bedingungen zehren extrem an Körper und Seele, es bleibt einfach keine Kraft mehr, sich auch um andere zu sorgen. Versucht man dennoch, anderen zu helfen, kommt das einer Heldentat gleich – und ist hoffentlich kein Selbstmord.
Einmal erreichte Ueli und Simon ein Notruf im Annapurna-Basislager, und sie zögerten keine Sekunde. Um 23:00 Uhr nach dem Abendessen, brachen die beiden auf, um das 2000 Metern höher, auf 7400 Metern liegende Lager 4 zu erreichen. Dort lag der Spanier Inaki Otxoa nach einem gescheiterten Gipfelversuch mit schwerer Höhenkrankheit in kritischem Zustand. Sein rumänischer Partner, Horia Colibasanu, versuchte, ihm am Leben zu halten, aber ohne Hilfe drohte ihm selbst der Tod.
Ueli und Simon wussten zuerst nicht einmal, wohin der Weg führt, weil sie noch nie am Ostgrat gewesen waren. Bei Tagesanbruch waren sie schon im Lager 1, dort mussten sie aber wegen akuter Lawinengefahr den ganzen Tag ausharren. Am nächsten Tag erreichten sie Lager 3, für Anthamatten war hier aber Endstation. Ueli traf somit alleine im Lager 4 ein. Colibasanu konnte dank des Medikaments Dexamethason selber absteigen, Ueli blieb mit Ochoa zu zweit im Zelt.
Der Zustand von Otxoa verbesserte sich kurzfristig, er konnte sogar wieder sprechen. Am nächsten Morgen starb er aber. Ueli setzte ihm in einer Gletscherspalte bei und konzentrierte sich auf sein eigenes Überleben. Drei Tage hatte er fast nichts gegessen, nur eine Portion Suppe pro Tag, weil sie keinen Proviant für die Rettung mitgebracht hatten. Auf dem Berg tobte ein schwerer Sturm. Zum Glück ließ der Sturm am folgenden Tag nach, Ueli konnte absteigen, noch bevor er am Ende seiner Kräfte war. Diese Rettungsaktion bedeutete natürlich auch das Ende der Expedition. Nach dieser direkten Konfrontation mit dem Tod tauchten bei Ueli Zweifel auf, ob Bergsteigen wirklich Sinn habe.

Über die Risikogrenze

Der Annapurna spielte eine wichtige Rolle in Uelis Karriere. 2013, nur Monaten nachdem er am Everest mit den Sherpas in eine fast tödliche Auseinandersetzung geraten war und ernsthaft ans Aufhören dachte, stand er wieder vor der Südwand des Annapurna, um einen weiteren Versuch zu wagen.
„Bequem durchs Leben zu gehen, ist nach wie vor nicht mein Ziel“, schrieb er damals in seinem Blog.
Sein Partner war diesmal der Kanadier Don Bowie, mit dem er bereits an der Shishapangma-Südwand gewesen war. Dann wurde Bowie krank. An der Annapurna-Südwand hatte er sich auch früher schon versucht, jedoch nicht auf dieser direkten Route. Einen besseren Partner als Ueli hätte er für ein solches Projekt nicht finden können. Bowie traute aber schließlich seinen eigenen Fähigkeiten nicht. Weil die Verhältnisse ideal waren, entschied sich Ueli für einen Alleingang.
28 Stunden später war er wieder im Basislager. Er hatte den Gipfel in der Nacht erreicht und stieg die ganze Nacht durch, da die Wand in der Nacht gefroren und somit sicherer war.
Für seinen Erfolg hatte es wohl jenes mentalen Tiefpunkts bedurft, den die Geschichte am Everest bei ihm verursachte hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben überschritt er die selbst gezogene Risikogrenze. Er gab selber zu, dass er sich nur auf den Moment konzentrierte und akzeptierte hatte, dass er wahrscheinlich nicht lebend zurückkommen würde.

Er überstand diese Husarenaktion und versprach, „die Schraube ein wenig zu lockern“. Er hatte die Liebe und Leidenschaft fürs Bergsteigen zurückgewonnen. Er lebte wieder.

In gewissem Sinne stand er zu seinem Wort. Was die objektiven Gefahren betrifft, ist die Everest-Lhotse-Traverse viel weniger riskant als die Annapurna-Südwand. Dieses Projekt war vielmehr eine gigantische Herausforderung im physischen und psychischen Bereich. Es gibt nur wenige Bergsteiger, die auf dieser Traverse eine realistische Chance gehabt hätten. Ueli Steck war bestimmt einer, der sie geschafft hätte.
Der Tod von Ueli Steck ist ein unersetzlicher Verlust für den Alpinismus. Gleichzeitig ist er aber auch eine grausame Warnung der Natur, dass das Reich der Berge, so friedlich es auch scheinen mag, voller Gefahren steckt. Wir müssen uns den steinernen Riesen auf jeden Fall gut vorbereitet und mit maximalem Respekt nähern. Alle Risiken können wir jedoch nicht ausblenden. Auch Glück ist gefragt, und in dieser Hinsicht sind wir für die Berge alle gleich.

„Wenn ich in den Bergen bin, bin ich dort, wo ich sein will. Das ist, wo ich mich froh und zufrieden fühle. Ich fühle mich frei und kann machen, was ich will. Ich ziehe meine eigenen Grenzen. Ich habe das Solobergsteigen immer genossen. Ich liebe das Zusammenspiel zwischen mir und der Natur. Da gibt es nur dich, die Felsen, das Eis und den Berg. Obwohl ich mich in den Bergen klein und unwesentlich fühle, sind die Berge der Ort, an dem mein Leben rund ist und ich spielen kann wie ein Kind! In den Bergen fühle ich mich am wohlsten und tue, was meiner Meinung nach zu tun ist“, schrieb er in einem seiner letzten Beiträge auf seiner Homepage.

Wie immer, wenn über den Tod eines Alpinisten berichtet wird, werden kritische Stimmen laut, die die Nutzlosigkeit des Bergsteigens betonen. Es ist tatsächlich schwierig, einem Außenseiter zu erklären, was am Bergsteigen gut oder nützlich ist, und warum wir solche Menschen wie Ueli brauchen.

Doch die Antwort ist klar.

Menschen wie Ueli Steck zeigen uns, dass jeder von uns große Träume haben darf und sich diese Träume mit harter Arbeit auch verwirklichen lassen. Manchmal ist es wichtig, aus dem Alltag herauszukommen und uns auf die Probe stellen. Das stärkt unsere Seele und wir lernen das Leben schätzen.
Es liegt allein an uns, ob wir diese Botschaft verstehen wollen oder nicht.

 

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