By | Oktober 7, 2015 | Last update on März 27, 2016

Stefan Glowacz: Als ich jung war, dachte ich, ich sei unsterblich

Es ist fast unglaublich, doch der legendäre Bergsteiger meiner Jugend feierte heuer seinen 50. Geburtstag. Auf der Outdoor2015 hatten wir Gelegenheit, uns auch persönlich ausführlicher zu unterhalten.

Den Film über den „unbarmherzigen Gipfel” (Cerro Torre: Schrei aus Stein) zeigten 1991 auch die Kinos. Die Geschichte weist große Parallelen mit der umstrittenen Erstbesteigung des Cerro Torre 1959 durch Cesare Maestri auf. Der Hauptdarsteller war Stefan Glowacz, der damals beste Sportkletterer, auch Hans Kammerlander spielte eine Rolle. Ich begann damals, mit 15 Jahren, mich sehr für das Bergsteigen zu interessieren und war ganz begeistert, dass es so ein Film bis in die kleinsten Kinos schaffte. Bis heute erinnere ich mich an dieses bestimmende Kinoerlebnis.

Testundtipps: Ein größeres Publikum hörte im Film „Schrei aus Stein“  erstmals deinen Namen. Woran erinnerst du dich im Zusammenhang mit diesem Film?

Stefan Glowacz: Das Drehbuch war hervorragend. Wie wir es verfilmt haben, war aber fachlich nicht ganz ok. Ich denke, auch heute haben Filme übers Bergsteigen noch eine Existenzberechtigung, es gibt viele hervorragende Dokumentationen, für einen Spielfilm braucht man halt eine sehr gute Geschichte.

Stefan in Patagonia- Red Bull content pool
Stefan in Patagonien (Red Bull Content Pool)

Hättest du eine Idee?

Nein, zumindest nicht für einen Spielfilm. Wir haben einen großen Dokumentarfilm, „Jäger des Augenblicks”, gedreht, er war auch in den Kinos.

An welchem Projekt arbeitest du derzeit?

An einem langfristigen Projekt in den Alpen. Die Erstbesteigung über eine Route, die wir schon vor 10 Jahren mit Haken versehen haben. Es handelt sich um eine sehr schwierige Route, zu der ideale Bedingungen notwendig sind. Diese trockene Hitze ist wunderbar, weil dann alles schön austrocknet.

Wo ist diese Route?

Über Garmisch-Partenkirchen, sie zweigt von der Route auf die Zugspitze ab. Eine 300-400 Meter hohe Wand (Schwarze Wand im Höllental – LP.). Eine wunderbare, noch nicht erschlossene Wand. Hier begannen wir eine neue Route zu klettern. Wir haben Haken gesetzt, doch eine Seillänge hat uns noch gefehlt. Die Wand ist sehr schwierig, 8c bis 8c+ (UIAA XI-). Die Schlüsselstelle ist ein 5 m hoher Abschnitt. Es handelt sich da eigentlich um ein Boulderproblem, das mit der Stufe 8b+ beginnt und in 8c+ endet.

Hast du auch Projekte außerhalb Europas?

Kommendes Jahr reise ich wieder in die Arktis, auch dort ist es, wie immer, wichtig, dass ich das gesteckte Ziel „by fair means”, mit fairen Mitteln erreiche. Wir arbeiten an einem Schlitten, der auch als Basis für ein Hängebiwak verwendet werden kann. Es ist wichtig, dass er auch schwimmt und auf hartem, eisigen Untergrund und Schnee gezogen werden kann. Was jetzt genau das Ziel ist, darf ich vorerst nicht verraten. Es handelt sich um ein einzigartiges Projekt, zugefrorenes Meer, Wasser und Felswände werden sicher dabei sein.

Wie die Baffininsel?

Ja, es gibt noch ähnliche, unentdeckte Orte in dieser Ecke der Welt. Das Problem ist, dass es immer weniger ferne, unbekannte Klettergebiete gibt. Wir suchen ständig nach neuen Gebieten. Das größte Potenzial hat China. Es werden Regionen für Touristen geöffnet, zu denen man früher keinen Zugang hatte. Es gibt dort riesige Wände, die noch nicht durchstiegen wurden, es hängt aber alles von der chinesischen Regierung ab, ob man sich daran versuchen darf oder nicht. Das Problem ist, dass sie sehr viel Geld für Genehmigungen verlangen, wenn sie ein neues Gebiet öffnen.

Baffin insel- Red Bull content pool
Baffininsel (Red Bull Content Pool)

Das Felsklettern wird in China immer beliebter, nicht wahr?

Jaja, aber nicht nur dort. Die Kletterei entwickelt sich überall überaus stürmisch, das ist eine Folge der vielen Hallenkletteranlagen. In Deutschland gibt es fast in jedem größeren Dorf wenigstens eine Boulderhalle. Das Aufstellen von großen Kletterwänden ist teuer, doch für eine Boulderhalle braucht es nicht viel Infrastruktur und auch mit durchschnittlichen unternehmerischen Fähigkeiten kann man sowas führen.

Glaubst du, dass das Klettern unter die olympischen Disziplinen aufgenommen wird?

Unter der Führung der derzeitigen Organisationen sicherlich nicht, weil sie den Sport nicht weiterentwickeln. Ich habe ernsthafte Vorbehalte gegenüber dem Deutschen Alpenverein. Zum Klettern auf hohem Niveau muss man Profi sein, kann sich also mit nichts anderem beschäftigen. Doch die Organisationen bieten keine ausreichende Basis, dass sich jemand zum Profisportler entwickeln könnte. Amateursportlern, die in olympischen Disziplinen antreten, Läufer zum Beispiel, hilft die Deutsche Sporthilfe, eine Schule oder einen Arbeitsplatz zu finden, der es erlaubt, sich vor allem auf den Sport zu konzentrieren. Es läge in der Verantwortung des Alpenvereins, die Entwicklung des Klettersports voranzutreiben, was er aber vorerst nicht macht bzw. nur bis zu einem bestimmten Niveau. Für Schüler werden beispielsweise Kurse organisiert und entsprechende Lehrer zur Verfügung gestellt. Wenn dann aber die Schule zu Ende ist, muss man sich entscheiden, ob man eine berufliche Laufbahn verfolgen oder Sportler werden will. Dafür stellt der Verein aber keinen entsprechenden Background zur Verfügung. Solange sich die Denkweise nicht ändert, werden wir‘s nie zur Olympia schaffen. Mit diesem System wird das nichts.

Wer ist, deiner Meinung nach, derzeit der beste auf der Welt? Gibt es jemanden, der dich inspiriert?

Das ist sehr schwer zu sagen, da es verschiedene Arten des Kletterns gibt: Alpinklettern, Bouldern, Sportklettern. Mich inspirieren Kletterer wie Chris Sharma. Sie haben eine andere Denkweise. Sie verbinden Können auf höchstem Niveau mit einer Art von Spiritualität. Man hat das Gefühl, dass für sie das Klettern mehr als Sport ist, eine Lebensform und das gefällt mir sehr gut. Alex ist ein junger Kletterer, er muss seinen eigenen Charakter erst noch aufbauen. Sharma aber verfügt schon darüber.

Wie kannst du Familie und Klettern unter einen Hut bringen?

Meine Kinder sind 19 Jahre alt, also wird es immer leichter.

Ich habe oft mein Leben für irgendeinen Blödsinn riskiert

Hast du ein anderes Verhältnis zum Risiko, seitdem du Kinder hast?

Nein. Als ich jünger war, habe ich viele Free Solos gemacht. Ich dachte, dass ich in jeder Situation Herr der Lage sein kann. Dann bin ich während eines Free Solo-Trainings 10 Meter abgestürzt, weil ein Griff ausgebrochen ist, an dem ich mich mit beiden Händen festhielt. Ich bin bis ganz nach unten gefallen und hab mich ziemlich verletzt. Es dauerte zwei Jahre, bis ich mich erholt hatte. Ich hatte damals meine Sturm und Drang-Zeit, ich dachte, ich sei unverletzlich. Dieser Unfall war mir eine lehrreiche Lektion. Von da an war mein Verhältnis zum Risiko ein anderes. Ich habe meine Expeditionen professioneller organisiert. Ich versuchte immer, die Risiken so gut wie möglich abzuschätzen und die entsprechenden Lösungen zu finden, um Risiken zu meiden. Im Risikofall kannst du drei Dinge tun. Nehmen wir an, du sitzt im Zelt und denkst darüber nach, dass du morgen einen Gletscher voller Eistürme überqueren musst. Du hast Angst, weil du weißt, dass es sehr gefährlich ist. Es gibt in diesem Fall drei Möglichkeiten: 1. Du akzeptierst die Gefahr und gehst weiter; 2. Du versuchst den Gletscher zu umgehen, um der Gefahr auszuweichen; 3. Du kehrst um, weil du das Risiko für zu hoch hältst. Ich treffe meine Entscheidungen im Rahmen dieser drei Möglichkeiten und das hat bisher immer funktioniert.

Der Sturz ereignete sich noch vor der Geburt deiner Kinder?

Ja. Vor dem Unfall glaubte ich, ich sei unsterblich. Ich habe oft mein Leben für irgendeinen Blödsinn riskiert.

Du bist viel unterwegs. Wird das von der Familie toleriert?

Ja, denn das ist meine Lebensform. Sie akzeptieren das. Meine erste Frau hat es nicht akzeptiert, deshalb habe ich ein zweites Mal geheiratet. Meine zweite Frau hat zwei Kinder in die Ehe mitgebracht, also haben wir gemeinsam fünf Kinder aufgezogen. Heute sind sie schon fast erwachsen, der älteste ist 22. Es gab nie wirklich ein Problem, denn im Allgemeinen fahre ich für 2 Monate, 10 Wochen weg, aber wenn ich zuhause bin, bin ich ganz für die Familie da. Ich konzentriere mich ganz auf sie und das spüren auch die Kinder. Vati fährt eine Zeitlang Klettern, aber wenn er wieder nach Hause kommt, ist er bei uns. Wenn man in einer Beziehung ist, ist es immer schwieriger zu klettern. Du musst einen Partner finden, der deine Leidenschaft versteht und akzeptiert. Wenn das nicht gelingt, ist das eine Katastrophe.

Geraten die Kinder dir nach?

Irgendwie schon. Meine Söhne lieben das Schifahren, besonders Freestyle, meine Tochter weniger, sie macht Synchronschwimmen. Ich wusste bisher nicht, dass auch das ein sehr schwerer Sport ist und man sehr viel trainieren muss.

Kurzbio:

Name: Stefan Glowacz
Geboren: 22. März 1965 Tittmoning, Bayern
Familie: Verheiratet mit Tanja Valérien-Glowacz, die aus erster Ehe zwei Kinder mitbrachte. Gemeinsam haben sie Drillinge.
Mitbegründer der Firma Red Chili, die Kletterschuhe und Bekleidung herstellt
Meilensteine seiner Laufbahn:
Begann mit 15 Jahren zu klettern. Gewann drei Mal den Rockmaster (1987, 1988, 1992)
1992: Sieger beim inoffiziellen Demonstrationswettkampf der Olympischen Spiele in Albertville, Frankreich
1993: Nach einem schweren Unfall gibt er den Wettkampfsport auf
1994: Erstbegehung „Des Kaisers neue Kleider“ Wilder Kaiser, Österreich (X+ (UIAA))
Grönland-Expedition, Erstbegehung „Moby Dick“ (IX+)
1996: Erstbegehung mit Kurt Albert in den Dolomiten: Südwand der Kleinen Zinne „Gelbe Mauer“ (IX)
1997: Ostgrönland-Expedition, Erstbesteigung „Nordlicht“ am Tupilak (VIII+)
1999: Segel- und Kletterexpedition in die Antarktis. Erstbesteigung „Hart am Wind“ (IX)
2001: Kletterexpedition Mexiko „El Gigante“ (IX+)
2003/04/05: Patagonien Murallón bei El Chaltén, Provinz Santa Cruz, Argentinien, „The lost world“ (VIII), „Vom Winde verweht“ (IX)
2004: Erstbegehung Titlis Engelberg/Schweiz „Letzte Ausfahrt Titlis“ (X-)
2006: Kletterexpedition an den Acopan-Tepui Tafelberg in Venezuela, Erstbegehung der Route „Purgatory“ (IX)
2008: Kletterexpedition nach Baffin Island, Begehung der Route „The Bastions“ (X-) am „Buchan Gulf“
2009: Non-Stop-Begehungsversuch der Route „Royal Flash“ am Fitz Roy/Patagonien
2010: Erstbegehung der Route „Behind the Rainbow“ (IX+/X-), am Roraima Tafelberg im Dreiländereck von Guyana, Venezuela, Brasilien
2013: Kletterexpedition zur Höhle Madschlis al-Dschinn, Erstbegehung „Into the Light“ (8b+) mit Chris Sharma

Stefan Glowacz- László Pintér - Test und Tipps
Stefan Glowacz (László Pintér/Test und Tipps)

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