By László Pintér | November 13, 2015 | Last update on November 23, 2015

Photo: Mirek Komarek

Technische Jacke aus künstlicher Spinnenseide

Innerhalb von 300 Jahren haben wir das Niveau von Spinnen erreicht.

Ich hasse Spinnen aus ganzem Herzen.

Nie hätte ich mir gedacht, dass ich einmal, in ein künstliches Spinnennetz eingehüllt, versuche, mich vor den Unbilden des Wetters zu schützen.
Das wird aber bald Wirklichkeit. Der Outdoor-Industrie wurde die Ehre zu Teil, den Heiligen Gral der Textilindustrie erstmals ausprobieren zu dürfen: künstliche Spinnenseide.
Die Spinnenseide, aus der auch das Spinnennetz besteht, ist eines der reißfestesten Materialien der Welt, das wissen wir seit langem. Sie ist beständiger als Stahl, flexibler als Kevlar und leichter als Kohlenstofffasern. Deshalb ist es kein Zufall, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt sich seit Jahrzehnten mit dem Problem ihrer künstlichen Herstellung beschäftigen. Die Vielfalt ihrer Verwendungsmethoden ist unendlich, sie können zahlreiche Industriezweige revolutionieren.

Einer japanischen Firma gelang der Durchbruch und man entschied, das Endergebnis in der Textilindustrie, genauer im Outdoor-Segment, einzusetzen.
Unter „häuslichen“ Bedingungen züchtete man schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts Spinnen. Ein französischer Wissenschaftler fertigte aus der Seide, die er gewann, Handschuhe sowie einen Schal an. Zur Herstellung größerer Mengen von Spinnenseide müsste man aber eine unvorstellbare Menge an Spinnen züchten. So kam man bald zu dem Schluss, dass man, würde man Spinnenseide in industriellen Mengen herstellen wollen, eine Methode zur künstlichen Herstellung finden muss.

In deutschen und amerikanischen Labors fand man heraus, wie aus einer flüssigen Eiweißlösung ein kristalliner fester Faden entsteht. Unter künstlichen Bedingungen konnte man den Prozess jedoch nicht kosteneffizient nachahmen.

Die japanische Firma Spiber (ein Mosaikwort aus „spider“ und „fiber“, also Spinne und Faser) begann ihre Forschungen ganz von vorne. Nach 11 Jahren Forschung gelang es, die Gene zu finden, die für die Herstellung von Spinnenseide verantwortlich sind. Diese setzte man in Bakterien ein, dadurch begannen diese, Spinnenseide zu produzieren. Mit 20 verschiedenen Aminosäurekombinationen gelang es, 600 unterschiedliche Eiweiße zu erzeugen. Es gelang ihnen auch, das als QMONOS (japanisch: kumonosu – Spinnennetz) bezeichnete Material in großen Mengen herzustellen.
Das Ergebnis kann nicht nur in der Textilindustrie verwertet werden, doch das Unternehmen sieht diese als ersten Schritt. Der Grund dafür ist, dass der industrielle Anteil in dieser Branche sehr hoch ist, die Entwicklungszyklen der Produkte kurz, außerdem ist die künstliche Spinnenseide in der Outdoor-Industrie hervorragend anzuwenden, nachdem dort umweltschonende, beständige Materialien benötigt werden. Zur Zusammenarbeit wählte das Unternehmen die führende Outdoor-Marke The North Face.

the North Face Moon Parka aus künstlicher Spinnenseide

Die offizielle Vorstellung des Moon Parkas. Photo: Spiber.jp
Die offizielle Vorstellung des Moon Parkas. Photo: Spiber.jp

Gemeinsam entwickelten die Unternehmen den Prototyp der neuen Jacke, den Moon Parka, der auf dem Design des bereits im Handel befindlichen Antarctica Parkas beruht. Der Stoff der äußeren Schale wird in automatisierter Produktion aus QMONOS hergestellt. Obwohl die Fasern des Materials in allen vorstellbaren Farbtönen gefärbt werden können, hat man beim Prototyp die goldene Farbe belassen, die von der Nephila-Spinne auch in der Natur erzeugt wird.

Die japanische Marketingfirma von The North Face hob hervor, dass das Material nicht nur bezüglich Leistung in vielerlei Hinsicht vorteilhafter als Polymer ist, das aus Mineralöl hergestellt wird, sondern auch die Produktion ist um vieles umweltfreundlicher. Das Material selbst ist biologisch abbaubar.
Bevor die Serienproduktion des Moon Parka beginnen kann, müssen noch einige Herausforderungen gemeistert werden, doch Spiber möchte die Jacke bereits nächstes Jahr auf den Markt bringen. Wie viel die Jacke voraussichtlich kosten wird, ist derzeit noch ein Geheimnis.
Ich weiß nicht, ob ich jemals imstande sein werde zu vergessen, dass diese neue Technik etwas mit Spinnen zu tun hat.
Im folgenden englischsprachigen Video wird der Produktionsvorgang genauer vorgestellt:

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