By Andras Kakuk | Oktober 22, 2015 | Last update on Oktober 27, 2015

Mein halbes Leben in einem einzigen Rucksack

Thule Guidepost 75 Rucksacktest

Leise rief uns der Thule, also griffen wir nach ihm, um den Sack dann einen ganzen Sommer lang in- und auswendig kennen zu lernen. Ich stopfte gleich mal ein halbes Leben für eine 4-tägige Klettertour in Slowenien in den Rucksack hinein.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass für so viele Tage ein kleinerer Sack (60, 65 Liter) nur bei sehr spartanischen Ansprüchen ausreicht und außerdem muss man einen superklein faltbaren Schlafsack haben. So einen hab ich aber nicht. Darum sind die 75 Liter die einzige Alternative.
Nützt man die 75 Liter aus, kann man sich auf ein ganz schönes Gewicht gefasst machen, das auf den Rücken drückt, an den Schultern zieht. Es ist absolut nicht zweitrangig, was für Komfortgefühl man beim Tragen eines Rucksacks erfährt, da die ganze Tour zum Fiasko werden kann, wenn die Last unbequem und schwer ist.

Los geht’s!

Am Anfang versuchte ich gleich meinen großen Schlafsack hineinzustopfen.
Er passte.
Super.
Und dann auch noch alles andere.

Der Guidepost kann im Verhältnis 2/3-1/3 geteilt werden, was ich auszunützen versuchte, um die oft benötigten Sachen ständig leicht erreichen zu können. Die Teilung erfolgt nicht durch einen Reißverschluss, sondern durch Ösen und Haken. In leerem Zustand ist der Unterschied zwischen diesen zwei Lösungen unwesentlich, doch wenn man ein Fach vollpackt und merkt, dass die Teilung doch eher hinderlich ist, ist die Knopf- und Haken-Lösung doch ein wenig schwerfällig.

Der Guidepost hat außerdem seitlich einen Schlitz, deshalb kann man den Sackinhalt mühelos auch von der Seite erreichen. Der Rucksack ist aus strapazierfähigem Cordura-Material gefertigt, man braucht also beim Beladen nicht zaudern, der Sack reißt garantiert nicht.

Thule Guidepost 75
Thule Guidepost 75

Wenn das Säcklein voll ist…

Ist das Packen vollbracht, lernt man die Verstellbarkeit des Rucksacks so richtig lieben! Die Schultergurte rutschen auf einer Metallschiene auf- und ab, einfacher kann man ihre Einstellung nicht mehr machen. Thule hat es mit einer individuellen Lösung auch geschafft, die Schultergurte in der Breite verstellbar zu machen. In drei Größen (S, M, L) kann man sie an die jeweilige Schultermuskulatur, die eines Skeletts oder Bodybuilders, anpassen. Die Einstellung ist auch in diesem Fall einfach und selbstverständlich: der Gurt wird bewegt und dann mit einem Plastikstift im entsprechend Loch fixiert.

Zum Komfortgefühl trägt in großem Maße der Torsionsgurt am Bauch bei, der sich um den zentralen Aufhängungspunkt bewegt. Bei so einem Großen Rucksack ist das ein Segen. Wenn man z. B. auf Geröll oder einer Moräne unterwegs ist und schöne große Schritte machen muss, um bergan voranzukommen, ist es nicht sehr angenehm, wenn sich der Rucksack seitlich bewegt und einen ständig in die jeweilige Richtung mitziehen will. Bei dieser Lösung bewegt sich nur der Gurt, er folgt unseren Bewegungen und das seitliche Auspendeln des Sacks wird auf ein Minimum reduziert.

Das Gerüst des Rucksacks besteht aus Aluminium und wurde auf den Namen Transhub getauft. Sein Vorteil, den auch ich während des Tests zu spüren bekam, ist die Tatsache, dass es eigentlich unbemerkt den Großteil des Gewichts auf das Becken überträgt und den Rücken dadurch merklich entlastet.
Auch die Form der Gurte ist nicht so wie bei anderen. Sie nähern sich von der Innenlinie der Schulter mit extremem Schwung dem Brustbein an. Dieser große Bogen hat den Vorteil, dass die Arme in der Bewegung kaum gestört sind und die Gurte auch nicht so stark angezogen werden müssen.

Thule Guidepost 75
Thule Guidepost 75

Weitere pfiffige Lösungen- Nobelpreis und Mini-me

Der Platz für den Wasserbehälter ist eine eigene Tasche, die von oben erreichbar ist, darum kann man ihn auch einfacher tauschen. Er steht aufrecht und lässt deshalb nur wenige Tropfen auf die eifersüchtig gehütete Wechselkleidung fallen. Die elastische Seitentasche wird zur Aufbewahrung der Feldflasche (oder Espressomaschine) empfohlen. Sie öffnet sich nicht nach oben, sondern um 45 Grad gedreht nach vorne. Diese Idee ist an sich schon viel wert (Nobelpreis!), da man dadurch unterwegs den Sack nicht abnehmen muss, wenn man zur Wasserflasche greifen will, sondern ganz einfach nach hinten langen kann.
Noch außergewöhnlicher wird der Thule Guidepost dadurch, dass aus seiner Klappe ein kleinerer, 24 Liter-Rucksack, ein Mini-me, zum Gipfelsturm gefaltet werden kann. Das ist sehr praktisch, denn ich musste zum Sturm auf den Jalovec nicht noch einen Rucksack mitschleppen.

Damit ich den Sack hier nicht über den grünen Klee lobe, müssen doch ein, zwei Schwachstellen erwähnt werden.
Gurten, die besser lüften, spürte ich schon viele, die zahlreichen technischen Lösungen wirken sich negativ auf das Gewicht des Rucksacks aus. (2,8 kg). Das Cordura-Material verträgt ein wenig Regen und die Reißverschlüsse sind auch wasserdicht, eine richtige Regenhülle gibt es aber nicht. Sie muss dazugekauft werden.
 
Insgesamt bin ich bisher wenigen Produkten begegnet, die so viele, wirklich brauchbare technische Neuerungen aufweisen wie der Guidepost von Thule.
Und das auch noch im eleganten, minimalistischen skandinavischen Stil, den man von Thule schon gewöhnt ist.

Mini-me im Einsatz
Mini-me im Einsatz

Paraferee und der Thule auf Wanderschaft…

Es begab sich, dass ich den Thule Guide Rucksack auf der Fjallraven Wandertour testen durfte. So einen Test, ohne vorherige Probe, zu wagen, ist äußerst risikoreich, denn sollte sich unterwegs irgendein Problem ergeben, gibt es keinen Plan B, man muss mit dem Rucksack bis zum Schluss durchhalten. Deshalb vertraute ich auf meine Erfahrung und bei der ausführlichen vorherigen Begutachtung sah ich keine Anzeichen, die darauf hingedeutet hätten, dass der Guide kein guter Wandergenosse wäre.
Ich ging also mit ihm an den Start, der Sack war bis auf 18 kg angewachsen und ab ging die Post. Bis zum Ziel erhielt ich ein umfassendes und konkretes Bild vom Guide.

Noch während der Vorbereitungen und unterwegs spürte ich, dass man den Rucksack außergewöhnlich gut packen kann dank des seitlichen Reißverschlusses, der bis ganz nach unten reicht. Man muss sich nicht durch alle Sachen wühlen, um zu erreichen, was ganz unten im Sack steckt. Im großen Fach gibt es bei ca. ¼ – ¾ die Möglichkeit zur Trennung, doch sah ich keine Notwendigkeit dafür und nahm sie noch vor der Abfahrt heraus. Die Länge der Schultergurte und die Rückenpolsterung hatte ich vor Aufbruch blitzschnell eingestellt, unterwegs führte ich dann die Feinabstimmung durch.

Zum Sack kann man eine riesige Regenhülle kaufen, deren Handling ich leider im Ernstfall ausprobieren musste. Ich stellte aber voller Freude fest, dass sie groß genug ist, um einen prall gefüllten Rucksack gut abzudecken (ich hatte schon mal ein Produkt eines Herstellers benutzt, dessen Regenhülle den voll bepackten Sack gerade mal bedeckte). Die Hülle reicht oben, bei der Kuppel des Sacks, großzügig nach unten in Richtung Rücken, unten findet auch der Bauchgurt noch darunter Platz, darum bleibt die Hülle auch während des Gehens wo sie sein soll und verrutscht nicht. Außerdem gefiel mir der elastische Gurt besonders, der sich in mittlerer Höhe befindet und an der Gegenseite angeschnallt werden kann. Er macht die Hülle noch stabiler und rutschfester. Das verdient eine Eins plus!
Sehr praktisch war auch, dass man die obere Klappe von beiden Richtungen öffnen konnte. Es wäre sonst sehr umständlich gewesen – besonders im Regen mit Regenhülle -, von oben in den Sack zu greifen. Ich freute mich auch über die zwei großen Taschen am Bauchgurt. In der einen bewahrte ich meine Geldbörse und das Telefon, in der anderen kleine Schokoladenriegel und Dörrfrüchte auf, um sie immer bei der Hand zu haben.

Gegen Ende der 110 Kilometer ergab sich dann doch ein kleineres und ein größeres Problem mit dem Guide: das Eigengewicht des Rucksacks ist ziemlich hoch (2,8 kg), was rund 1 kg überflüssige Last im Vergleich zu einem Rucksack mit akzeptablen Gewicht ist. Auf dem Papier scheint das nicht viel, doch wenn man es mehrere Trage herumträgt (oder gerade nicht herumtragen muss), ist das schon was anderes. Doch war das nur ein kleines Ärgernis; viel größer war das Problem mit dem Schultergurten. Sie sind ziemlich schmal und unnachgiebig und drückten nach einer längeren Strecke und bei diesem Gewicht schon ziemlich unangenehm auf meine Schlüsselbeine (die Muskeln schwollen an).
Insgesamt kann aber festgestellt werden, dass der Guide ein praktischer und gut verwendbarer Tourensack ist. Ich würde mit ihn gerne sofort für ein paar Tage nach Retyezát, in die Hohe Tatra, aufbrechen.

+
abnehmbare Klappe, die zu einem kleinen Rucksack gemacht werden kann
Torsionsbauchgurt
leicht verstellbare Rückengurte (leichter als bei Deuter)
auch seitlich zu öffnen
strapazierfähig
wasserfeste Reißverschlüsse
Wasserbehälter in einer Extratasche
Gurtform
Taschen am Bauchgurt
Transhub-Rückensystem
Design

Gurtmaterial lässt kaum Luft durch
Gewicht
Regenhülle extra zu kaufen

Oldaltitaltartó
 

Leave your comments

You may also like




ÜBER TEST UND TIPPS

Hier findest du wahre Meinungen von Outdoor Freaks, die nicht nur das Positive erzählen. Wenn wir aber sagen, dass ein Produkt cool ist, kannst du es ruhig glauben.

Follow us