By | Oktober 7, 2015 | Last update on November 27, 2015

Ueli Steck: Zum Winterbergsteigen bin ich zu schwach

Ueli Steck erklomm in den letzten zwei Monaten alle Viertausender der Alpen. Aus diesem Anlass haben wir ihn befragt.

82 Gipfel in 80 Tagen ohne motorgetriebenes Fahrzeug

– so kann man das Wesentliche des jüngsten Projekts des Schweizer Kletterphänomens zusammenfassen. Das war zumindest der Plan. Schließlich waren 61 Tage ausreichend.
Ursprünglich hatte er sich mit dem deutschen Profikletterer Michi Wohlleben auf den Weg gemacht, doch dieser verletzte sich nach anderthalb Wochen, als er vom Schreckhorn mit dem Gleitschirm ins Tal segelte.
Ueli machte mit mehreren Partnern weiter, unter anderem mit seiner Ehefrau Nicole, bei je einem Aufstieg leisteten ihm auch David Göttler und Jonathan Griffith Gesellschaft. Die Tour wurde vom Tod seines niederländischen Partners, Martijn Seuren, überschattet, der am Rochefortgrat abstürzte. Er wäre der erste Niederländer gewesen, der alle Viertausender der Alpen erklettert hätte.
Die positiven Erlebnisse überwogen jedoch, insbesondere die Besteigung aller 18 Gipfel der Monte Rosa-Gruppe, die höher als 4000 m sind, innerhalb eines einzigen Tages.

Selfie
Selfie (Ueli Steck Facebook)

Die letzte Spitze, der französische Barre des Ecrin, ließ sich dann doch nicht so leicht bezwingen. In der Morgendämmerung begann Ueli den Aufstieg in einem falschen Tal und erst nach rund vierstündigem Klettern bemerkte er, dass er zum falschen Gipfel unterwegs ist. Er kehrte um und schaffte noch am gleichen Tag den Dome de Neige und den Barre des Ecrins.
Die ganze Tour führte ihn über 117.489 Höhenmeter, er legte 1772 km zu Fuß, mit dem Fahrrad und dem Gleitschirm zurück. Jetzt sitzt er zuhause und arbeitet voll motiviert an den Plänen zu neuen Projekten. Auch über diese haben wir ihn befragt.

 

László Pintér: Laut deinem Lebenslauf hast du mit 12 Jahren zu klettern begonnen. Woher stammt diese Leidenschaft fürs Klettern? Gab es vielleicht eine konkrete Tour, bei der du draufkamst: „Ja, das will ich machen!“?

Ueli Steck: Als ich das erste Mal kletterte, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Ich wusste sofort, dass ich sowas machen wollte. Für mich war das damals ein völlig neues und faszinierendes Erlebnis. Mir gefiel die Idee sehr gut, mich mit der Natur messen zu können. Es war etwas völlig anderes als Eishockey. Man misst sich nicht mit einem Gegner, sondern mit der Natur.

Welche Bergsteiger oder Spitzensportler inspirieren dich? Hast du ein Vorbild?

Walter Bonatti ist und bleibt ein großes Vorbild für mich. Außer ihm inspiriert mich besonders Christophe Profit. Er galt in den 1980er Jahren als treibende Kraft im Bergsteigen, denn er Grenzen verschoben hat. Doch er spürte auch genau, wann man aufhören muss!

Woher stammt die Idee von den „82 Summits”?

Das war nicht meine Idee. Patrick Berhault und Philippe Magnin machten sich 2004 auf, alle Viertausender der Alpen innerhalb von drei Monaten zu besteigen und dazu ausschließlich ihre Beine, Schier oder Fahrräder zu benützen. Am 1. März 2004 starteten sie. Am 28. April erreichten sie das Täschhorn, das war ihr 67. Gipfel. Patrick trat ein Schneebrett los und verlor sein Leben. 2007 gelang es Miha Valic als erstem innerhalb von 102 Tagen diese Tour zu absolvieren, aber im Winter (der slowenische Kletterer stürzte 2008 beim Abstieg vom Cho Oyu ab und starb – LP). 2008 folgten die Italiener Franco Nicolini und Diego Giovannini und traversierten die 82 Viertausender innerhalb von 60 Tagen.
Es hat mich einfach gereizt, das auch zu probieren.

Wolltest du die Tour schneller absolvieren als die zwei Italiener oder hatte das für dich keine Bedeutung?

Nein, überhaupt nicht. Das ganze ist so sehr Wetterabhängig. Das Wetter und die Umstände bestimmen, in welcher Zeit die Touren absolviert werden können. Für mich war es einfach der Wunsch, das zu machen.

Als sich Michi Wohlleben verletzte, hast du da daran gedacht, aufzugeben?

Nein. So schnell gebe ich nicht auf. Das liegt nicht in meiner Natur.

Was war die größte Schwierigkeit, mit der du im Rahmen der Tour konfrontiert warst? (technisch, physisch, psychisch?)

Es war schon die länge des Projektes, die an der Psyche kratzen kann!

In deinen Berichten scheint es irgendwie, dass die Besteigung von Viertausendern, einer nach dem anderen, das Einfachste auf der Welt sei – du gehörst natürlich zu den besten dieses Sports. Der durchschnittliche Bergsteiger sieht das ganz klar mit anderen Augen. Hattest du irgendwelche körperlichen Probleme während des Projekts?

Nicht wirklich. Manchmal waren die Beine etwas Müde, aber sonst ging es. Ich freute mich unglaublich, dass ich für so lange Zeit ohne irgendwelche Beschwerden unterwegs sein konnte. Das macht einfach richtig Spaß!

Hast du für das Projekt einen besonderen Speiseplan erstellt? Könntest du uns erzählen, was du an einem Tourtag so gegessen und getrunken hast?

Ich habe keine Ahnung. Ich habe bei den Besteigungen viele Powerbar-Riegel gegessen. Im Übrigen ernährte ich mich wie üblich.  

Welche Mahlzeit ist deiner Erfahrung nach vor einer größeren Bergtour wichtiger? Das Abendessen des Vortags oder das Frühstück? Oder beide in gleichem Maße?

Ich kann auch ohne Frühstück los. Das ist mehr eine Kopfsache. Wegen der Entspannung und Regeneration ist es jedoch sehr wichtig, nach der physischen Belastung unseren Nähstoffspeicher sofort wieder aufzufüllen. Die ersten 30 Minuten sind von entscheidender Bedeutung.

Aiguille Blanche de Peuterey, Mont Blanc- Ueli Steck Facebook
Aiguille Blanche de Peuterey, Mont Blanc Ueli Steck Facebook)

Du wurdest zum Abenteurer des Jahres gewählt, zwei Mal erhieltst du schon den Piolet d’Or (Goldener Eispickel). Was bedeuten diese Auszeichnungen für dich? Ist es wichtig für dich, dass auch andere deine Leistungen anerkennen?

Ich suche nach Erlebnissen, Erfahrungen. Auszeichnungen sind schön, doch helfen sie mir wenig beim Sammeln neuer Erlebnisse. Bei mir ist es so, wenn ich ein Projekt beendet habe, interessiert es mich eigentlich nicht mehr. Es ist abgeschlossen. Ich mache mir ein paar Notizen, was ich dabei gelernt habe, und was mich vielleicht weiter bringen könnte bei der nächsten Tour.

Wie denkst du über die kommerziellen Himalayaexpeditionen?

Für mich ist das in Ordnung, aber ich beschäftige mich damit überhaupt nicht. Ich glaube schon, dass viele Leute sich durch komerzielle Expeditionen gewisse Träume verwirklichen können!

Auf deiner Homepage schreibst du im letzten Eintrag über die 82 Gipfel, dass du noch viele Pläne hast. Was macht Ueli Steck als nächstes, hast du schon ein konkretes Ziel?

Mein Kopf ist voller Ideen! Jetzt beschäftigt mich am ehesten, wie ich aus diesem Trainingsumfang möglichst viel für die Zukunft profitieren kann…

Hast du einen Lieblingsberg?

Früher war es immer der Eiger. Jetzt hat mich die Südseite des Mont Blanc in den Bann gezogen!

Wie sehr interessiert dich das Klettern im Winter? Der K2 und der Nanga Parbat wurden im Winter noch nie bestiegen…

Zum Winterbergsteigen bin ich viel zu schwach. Das ist nichts für mich.

Die Öffentlichkeit erwartet sich von dir ständig neue Rekorde, aber irgendwie hat auch das Risiko so seine Grenzen (z. B. die Südwand des Annapurna). Was erwartet Ueli Steck von sich selbst? Gibt es noch Raum zur Weiterentwicklung? Ist eine weitere Entwicklung überhaupt noch notwendig?

Diese Erwartungen versuche ich stets so gut wie möglich auszuschließen. Schließlich musst du immer selber über deine Sachen entscheiden. Mach das, was dir gut tut. Die „82 Gipfel“ war genau so ein Projekt! Ich habe es gemacht, weil ich Lust dazu hatte und weil ich die Viertausender eigentlich nicht so gut kenne. Ich habe immer alles für mich gemacht, und das werde ich auch weiterhin tun. Wenn ich Lust dazu habe, gehe ich Sportklettern. Ich probiere mich konsequent aus dieser Erwartungshaltung abzugrenzen. Das ist sehr wichtig, sonst überlebt man nicht!

Visitenkarte:

Name: Ueli Steck:
Spitzname: wegen seiner Geschwindigkeit „Schweizer Maschine“, er mag diesen Namen nicht
Geboren: 4. März 1976, Langnau/Emmental, Schweiz
Beruf: Zimmermann
Familie: Ehegattin Nicole

Wichtigere Besteigungen:
Eiger-Nordwand, Heckmair-Route mit 18 Jahren. Die Mordwand ist sowas wie sein zweites Zuhause. Er öffnete auch eine neue Route (Young Spider), die er auch im Winter im Alleingang absolvierte. Mit Stefan Siegrist erkletterte er den Paciencia im freien Stil. Zweimal stellte er den Geschwindigkeitsrekord auf der Eiger-Nordwand ein (Heckmair-Route, 3 h 54 min, 2 h 47 min. (Der aktuelle Rekord wird von Dani Arnold gehalten, 2 h 28 min.)

An der Matterhorn-Nordwand (Schmid-Route) hält er den Geschwindigkeitsrekord (1 h 56 min), wie auch an der Nordwand des Grandes Jorasses (Walker-Pfeiler, 2 h 21 min)

Sein Können und seine Geschwindigkeit, die er sich auf den berüchtigtsten Nordwänden der Alpen angeeignet hat, wendete er auch im Himalaya an. Er interessiert sich fast ausschließlich für schwere, kreative Klettertouren im Alpinstil, die für ihn etwas Neues bedeuten.

Südwand des Shishapangma im Alleingang 10,5 h

Südwand des Annapurna in Direttissima, erste Besteigung im Alleingang, in 28 Stunden aus dem vorgeschobenen Basislager und zurück. In der Nacht. Diese Tour wird für eine der größten Kletterleistungen aller Zeiten gehalten, dafür erhielt er auch seinen 2. Piolet d‘Or.

Ueli- Ueli Steck Facebook
Ueli (Ueli Steck Facebook)

Leave your comments

You may also like




ÜBER TEST UND TIPPS

Hier findest du wahre Meinungen von Outdoor Freaks, die nicht nur das Positive erzählen. Wenn wir aber sagen, dass ein Produkt cool ist, kannst du es ruhig glauben.

Follow us